Die Gründung des Roten Kreuzes

Henri Dunant - Nach Solferino das Rote Kreuz

Die ganze Geschichte rund um die Gründung des Roten Kreuzes gibt es auch als Comic zum Download:

"... Einem anderen Unglücklichen ist durch einen Säbelhieb ein Teil des Gesichts fortgerissen worden. Nase, Lippen und Kinn sind von dem übrigen Teil des Kopfes getrennt. Unfähig zu sprechen und halbblind, macht er ein Zeichen mit der Hand. Durch diese erschütternde Gebärde, die von unartikulierten Tönen begleitet ist, lenkt er die Aufmerksamkeit auf sich. Ich gebe ihm zu trinken und lasse auf sein blutendes Antlitz einige Tropfen klares Wasser träufeln."


 

Das sind nur einige Sätze aus dem Buch "Erinnerungen an Solferino". Sein Verfasser: Henri Dunant. Der schweizerische Philanthrop, am 8. Mai 1828 in Genf geboren, war am 24. Juni 1859 zunächst weniger mit menschenfreundlichen als vielmehr mit geschäftlichen Absichten nach Solferino gekommen. Hier will er dem französischen Oberbefehlshaber MacMahon oder - wenn möglich - dem Kaiser der Franzosen eine Denkschrift übergeben. Ihr Titel: "Memorandum über die Finanz- und Industriegesellschaft der Mühlen von Mons-Djémila in Algerien, Kapital eine Million, von J. Henri Dunant, Präsident der Gesellschaft."
In der Tat: Dieser Henri Dunant, gerade dreißig Jahre alt, ist Geschäftsmann vom alerten Juniorchef-Typ. Wie ein Dandy kommt er im weißen Leinenanzug mit Pepitahut in einem gemieteten Zweispänner angetrabt. Die Schlacht von Solferino lässt ihn vom Zaungast über den Zeitzeugen zum entschlossenen Handelnden werden, nicht mehr im merkantilen, sondern im menschlichen Bereich.

Wer kämpft in Solferino gegen wen? Die Österreicher unter Kaiser Franz Joseph I. wollen von den Italienern und den mit ihnen verbündeten Franzosen unter Napoleon III. die Lombardei zurückgewinnen. Bei dem kleinen Dorf Solferino stehen sich nach langen Eilmärschen 170.000 Österreicher und 150.000 Franzosen und Italiener gegenüber. Die Front ist etwa 20 Kilometer lang. Sie zieht sich südlich des Gardasees hin. Das Dorf Solferino liegt fast in der Mitte der aufeinanderprallenden Armeen. Der Kampf ist ein Gemetzel. Zuerst waren die Truppen fast feldmarschmäßig gegeneinander angerückt: Exerzierreglement, Manöveratmosphäre, Trompetensignale, Trommelwirbel zum Angriff. Voranpreschende Kavallerie. Schießen wie auf dem Übungsplatz: erste Reihe liegend, zweite Reihe kniend, dritte Reihe stehend. Aber dann geraten sie im Nahkampf in einen Blutrausch, die Kroaten im österreichischen Truppenkontingent und die Marokkaner im französischen. Nahkampf mit Bajonetten, Messern, Gewehrkolben. Schließlich versucht man den Feind mit bloßen Händen zu erwürgen.
Die Österreicher verlieren die Schlacht. Aber bei den Toten und Verwundeten läßt sich nicht mehr ausmachen, wer zu den Siegern, wer zu den Besiegten gehört. Zahl der Toten: 40.000. Zahl der Verwundeten: 85.000.
Bei den vorhergehenden Sandkastenspielen und dem Fähnchenstecken auf den Generalstabskarten hat niemand von den Kommandeuren mit solchen Verlusten gerechnet. Nach der Schlacht beginnt eine nochmalige Katastrophe: das Leiden der Verwundeten, die stunden- und tagelang ohne Sanitäter, ohne ärztliche Versorgung bleiben.
Henri Dunant versucht mit den verstörten Bewohnern von Solferino und der Umgebung die Not der Verwundeten zu lindern. Man zerreißt Hemden, Unterwäsche, Bettlaken, um provisorisches Verbandzeug zu haben. Man bringt Decken, Arm- und Beinschienen, Lebensmittel. Man legt die Blessierten in die eigenen Stuben und Scheunen, in die Ställe und Keller, und noch immer sind nicht alle Verwundeten vom Schlachtfeld. Henri Dunant überwindet seine Abscheu vor dem geronnenen Blut, vor den unbeschreiblichen Wunden, vor den Schreien der Gequälten und hilft bis zum eigenen Zusammenbruch. Er lässt mit seinem Zweispänner von Brescia Verbandszeug und Wasser herankarren, gibt ein Beispiel für die Bewohner des Landstrichs von Solferino.
Aber Henri Dunant beobachtet auch scharf. Er schreibt die letzten Wünsche der Sterbenden auf. Und er registriert bis in die Einzelheiten was er sieht und erlebt. "Wir sind Brüder!" Das ruft er auch noch einen Tag später aus, als er sieht, wie rücksichtslos und grausam die Österreicher behandelt werden, die mit oder ohne Verwundungen in Kriegsgefangenschaft geraten sind.
Doch dann muss er sich in seiner Geburtsstadt und in Paris wieder seinen Geschäften zuwenden, die nicht ohne Risiko sind. Er hat seit einigen Jahren Getreidemühlen am Oberlauf des Qued Saf-Saf in Algier errichtet und einige Ländereien gekauft. Er hofft auf Konzessionen und raschen Gewinn.
Aber Solferino geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er unterbricht seine Verhandlungen und schreibt seine "Erinnerungen an Solferino" drei Jahre nach der furchtbaren Schlacht. Er schildert minuziös das Gesehene, bleibt aber in der bloßen Wiedergabe der Ereignisse nicht stecken. Er zieht Konsequenzen, lässt sein Buch mit einem Appell an die Staatsmänner ausklingen. Sein Fazit: Wenn schon die Menschheit vermessen und besessen genug ist, immer neue Kriege vom Zaun zu brechen und wenn die Kriegssucht zu immer neuen Vernichtungsmitteln und mörderischen Kampfmaschinen führt, dann soll wenigstens ein Abkommen getroffen werden, das die Leiden der Verwundeten und Kriegsgefangenen mildert.
Henri Dunants Buch und Plädoyer für die Opfer des Krieges verhallt nicht ungehört. Am 22. August 1864 unterzeichnen im Rathaus zu Genf die Delegierten von 16 Staaten die "Konvention, die Linderung des Loses der im Krieg verwundeten Militärpersonen betreffend".
Hier einzelne gestraffte Artikel aus dieser "Genfer Konvention", wie sie bald im allgemeinen Sprachgebrauch heißt:

  • "Die Ambulanzen und Militärspitäler werden als neutral anerkannt und demgemäß von den Kriegführenden geschützt und geachtet, solange sich Kranke und Verwundete darin befinden ..."

  • "Die Landesbewohner, welche den Verwundeten zu Hilfe kommen, sollen geschont werden und frei bleiben ..."

  • Die verwundeten und kranken Krieger sollen, gleichviel welchem Volke sie angehören, aufgehoben und verpflegt werden ..."

  • "Eine ausgezeichnete und überall anerkannte Fahne wird für die Spitäler angenommen. Desgleichen wird für das neutralisierte Personal ein Armband zugelassen. Fahne und Armband tragen das rote Kreuz auf weißem Grund ..."

Zu den Unterzeichnern gehören außer den europäischen Großmächten Italien, England, Frankreich und Preußen auch die USA.
Henri Dunant könnte sich mit diesem Erfolg zufrieden geben. Aber er reist rastlos durch Europa, will seine Idee vertiefen und durch persönliche Aussprachen mit Königen, Präsidenten und Ministern lebendig erhalten. Hilfreich stehen ihm dabei inzwischen der Genfer Rechtsanwalt Moynier und der Schweizer General Dufour zur Seite.

1866 beginnt Bismarck mit seinem Verbündeten Italien den "Bruderkrieg" gegen Österreich und den Deutschen Bund. Die Frauen und Männer unter dem Zeichen der Organisation des Roten Kreuzes werden erstmalig respektiert, die Genfer Konvention beachtet. Der König von Preußen, der den Krieg für sein Land siegreich beenden kann, lädt Henri Dunant zur Feier des Friedens von Prag ein.

Spätestens hier müssen die Einwände erwähnt werden, die gegen das Werk Henri Dunants erhoben wurden. Genügt es, den Krieg "menschlicher" zu machen? Wird durch scheinbare "Humanisierung des Krieges" der Militarismus nicht sogar eher zur Kriegsvorbereitung und Kriegsführung veranlasst? Darüber kann und sollte man diskutieren. Außer Frage aber steht, dass seit der Annahme der Charta des Roten Kreuzes Hunderttausende von Verwundeten und Kriegsgefangenen ihr Leben behalten haben.

Während Dunants Ideen sich weiter ausbreiten, gerät seine Person plötzlich ins Zwielicht. Seine geschäftlichen Unternehmungen enden in einem Fiasko. Das algerische Projekt - in das Dunant nicht nur sein eigenes Kapital, sondern hohe geliehene Geldsummen investiert hat - zerplatzt wie eine Seifenblase. Der Millionenschuldner muss den Ausschuss des Internationalen Roten Kreuzes verlassen. Der moralische und existentielle Schock lassen ihn ins Nichts stürzen. Manchmal gelangt noch eine Meldung in die Presse, dass man Henri Dunant des Nachts auf Parkbänken oder unter Brücken in Paris und London gesehen habe und dass ihn vom Aussehen eines Clochards nichts mehr unterscheide.
Als 73jähriger erst wird Henri Dunant rehabilitiert. Im schweizerischen Bezirksspital von Heiden erreicht ihn die Nachricht, dass er zusammen mit Frédéric Passy den erstmalig vergebenen Friedensnobelpreis erhalten wird. Freunde wie Bertha von Suttner und der Journalist Georges Baumberger haben sich für ihn eingesetzt.

Henri Dunant verfügt, dass der ansehnliche Geldpreis, der ihn mit einem Schlag wieder zum reichen Mann macht, wohltätigen Zwecken zugeführt wird. Er bleibt weiter in einer kleinen Kammer des Heidener Hospitals, wo er am 30. Oktober 1910 stirbt. (Josef Reding)

aus: "Friedensstifter-Friedensboten" von Josef Reding, Georg Bittner Verlag, Österr. Bundesverlag

   
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